Wein-WeltenTschechien: Als Weinland unentdeckt

Tschechien: Als Weinland unentdeckt

Weine unserer östlichen Nachbarn? Kennt fast niemand. Dabei werden in Tschechien überwiegend weiße Tropfen angebaut.

Weiße Trauben in Mähren im Weinland Tschechien
Über den Dächern von Znaim

Veltliner aus Mähren

Im trutzigen Vlk-Turm, dem Wolfsturm, ist man durchaus stolz auf die Weine der südmährischen Region Znojmo, auf Deutsch: Znaim. Denn im Erdgeschoss des gotischen Gemäuers hat das VOC-Informationszentrum seinen Sitz. Hier werden die Weine mit dem Siegel „Vino Originálni Certifikace“ vorgestellt. 15 örtliche Winzer besitzen das Zertifikat und produzieren relativ trockene Weißweine, vor allem Veltliner, Sauvignon und Riesling. Waren es bis vor einigen Jahren noch 25 Gramm Restzucker pro Liter, die der Wein enthalten durfte, so sind es nun gerade noch 15.

St. Nikolaus | Wenzelskapelle in Znaim, hoch über der Thaya | Weinland Tschechien
St. Nikolaus | Wenzelskapelle in Znaim, hoch über der Thaya | Weinland Tschechien

Weinbau in Tschechien

Nach diesen Fakten folgen Stufen, denn es geht hoch hinauf auf den Turm, von dem aus der Blick über die Stadt mit den sorgfältig restaurierten Hausfassaden und weit ins Land geht. Lieblich liegen die Hügel rundum, schroffe Felsen sind in ganz Südmähren kaum zu finden. Und so lässt sich problemlos ein Blick auf die österreichischen Alpen werfen und – viel näher – auf die zahlreichen Weingärten rundum. Immerhin 19.000 Weinbauern gibt es im Weinland Tschechien, dazu mehr als 16.000 Hektar Anbaufläche – von denen 96 Prozent hier im Süden, in Mähren liegen.

Ich will mir selbst ein Bild machen und steige in den Vinobus, der dreimal täglich einen Rundkurs über Land macht, fast 70 Kilometer lang und mit 15 Haltestellen bei 19 Winzern. Wer mag, steigt aus, probiert hier, wandert dort ein Stück und steigt später wieder in den Bus. Ich will das Fahrrad nehmen, schließlich trumpft das Weinland Tschechien mit seiner Radfreundlichkeit auf. In Sachen Wein bieten sich zum Beispiel mehrere Weintrassen durch die Region Znojmo, für längere Touren auch die Mährische Weinroute an. Eine Frage habe ich allerdings noch: Degustationen und Alkohol am Lenker…? „Kein Problem“, raunt mir ein Mitfahrer zu, „die Polizisten aus der Region sind selbst Winzer und drücken ein Auge zu.“

Weiße Trauben in Mähren im Weinland Tschechien
Weintrauben am Rebstock in Mähren.

Blick über Znaim vom Wolfsturm aus, Weinland Tschechien
Blick über Znaim vom Wolfsturm aus | Weinland Tschechien

Pálava ist teuerster Wein

Na gut, dann also los. Nach Šatov geht es, einem Ort, in dem sich zahlreiche ausgedehnte Keller finden, die früher oft erst im nahen Österreich endeten. Mit dem Kommunismus kam das Ende dieser Tunnel, Grenzsoldaten schossen die mühsam gegrabenen Anlagen zu Klump.

Wegen der Entfernung zum nächsten Zwischenziel steige ich ins Auto um und fahre nach Pavlov. Dort erzählt Winzer Pavel Hrebacka, dass er pro Jahr meist zwischen 30.000 und 40.000 Flaschen produziert, davon 85 Prozent Weißwein. Eigene Anlagen dafür hat er nicht, er borgt sich die Geräte. Mir spukt der Kommunismus noch durch den Kopf. Wäre da eine Genossenschaft nicht praktisch? Hrebacka lacht: „Nein, die hatten wir hier 40 Jahre – das ist kein Modell mehr für uns.“

Hrebacka setzt in seiner Weinkellerei Paulus übrigens auf den Modewein Pálava, einen würzig-duftigen Weißen, der vor etwa 70 Jahren durch die Kreuzung aus Rotem Traminer und Müller-Thurgau entstand. Der Pálava ist hier denn auch der teuerste Wein. Eine Flasche kostet etwa 300 Tschechische Kronen, rund zwölf Euro. „Der Arbeitsaufwand im Weingarten ist bei dieser Rebsorte am größten“, erklärt Hrebaka, „und um die Qualität zu steigern, reduzieren wir den Ertrag pro Pflanze auf 1,2 bis 1,5 Kilo.“ Allerdings macht der Pálava im gesamten Weinland Tschechien auch nur 0,6 Prozent der Anbauflächen aus. Und der Rest? Schwer zu sagen, meint Pavel Krška, Hobbywinzer und Präsident des örtlichen Weinbauverbandes, „bei uns gibt es viele Sorten auf kleiner Fläche“. Gerade in der Region Znojmo sorgten allerdings die kalkigen Böden für einen besonders würzigen Geschmack.

Hochzeit in Paulus, Weinland Tschechien
Hochzeit in Paulus, Weinland Tschechien

Auf der Burg Veveri bei Brünn | Weinland Tschechien
Auf der Burg Veveri bei Brünn | Weinland Tschechien

Kaum Weinexport aus Tschechien

Dass es tschechische Weine trotzdem in Deutschland praktisch nicht zu kaufen gibt, liegt am Durst unserer Nachbarn: Die heimische Produktion deckt etwa 45 Prozent des tschechischen Konsums. Da bleibt für Exporte aus dem Weinland Tschechien  nicht viel übrig. Aber es ist ja auch viel schöner, die teils fremden Rebsorten vor Ort zu probieren. Etwa in Mikulov, einer weiteren Weinbauregion. Im Keller des Schlosses ruht ein gigantisches Fass, das – 1643 dort eingebaut – mehr als 100.000 Liter aufnehmen konnte. Gefüllt wurde es mit dem Zehnten, der Pflichtabgabe der Winzer. Doch selbst leer wog der riesige Behälter mehr als 26 Tonnen, allein die 22 Fassreifen brachten es auf je 390 Kilogramm. Viel weniger wuchtig ist dagegen das Weinblatt, das in einer weiteren Ausstellung zu bestaunen ist: Es versteinerte vor rund 18 Millionen Jahren.

Ganz lebendig und im Hier und Jetzt geht es in den Gässchen rund um den Schlossberg zu. Vinotheken und Winzerstuben wechseln sich ab. Es lohnt sich, in den gemütlichen Gewölben einen Ryzlink vlasšký (Welschriesling) oder einen Veltlinské zelené, einen Grünen Veltliner, zu probieren – beide Sorten werden in der Region bevorzugt angebaut.

Beste Weine eines Jahrgangs

Weiter geht es zum Schloss Valtice. Die großzügige Anlage, früher im Besitz der Familie Liechtenstein, ist schon für sich einen Besuch wert. Im Keller aber warten 15.000 Flaschen mit 700 verschiedenen Weinen auf Gäste, die sich durch die besten tschechischen Weine probieren möchten. Zwischen 100 und 499 Tschechischen Kronen kosten die Degustations-Programme, für die der Weinfreund, bewaffnet mit Glas und Brotkorb, in die geräumigen Kellergassen des „Weinsalons der Tschechischen Republik“ hinabsteigt. Und die Weine sind tatsächlich die besten 100 eines jeden Jahrgangs, denn die Auswahl ist Ergebnis eines nationalen Wettbewerbs. Wer auf den Geschmack kommt, kann die meisten Weine auch kaufen; die Preise liegen bei umgerechnet 10 bis 20 Euro.

Etwas weniger kosten die Flaschen bei Petr Skoupil in Velké Bílovice. Der knuffige Weinliebhaber baut acht Rotweine und 16 Weißweine an. Seine Weinberge umfassen 30 Hektar. Das ist für tschechische Verhältnisse eine ganze Menge – immerhin durfte ein Winzer in der Tschechoslowakei maximal fünf Hektar besitzen. „Nun ja“, schmunzelt Skoupil, „wir haben das kreativ auf alle Familienmitglieder ausgedehnt – eigentlich illegal, aber es hat funktioniert.“ Und schon hat er eine Flasche seines 2015er Saint Laurent zur Hand, entkorkt sie rasch und gießt den Gästen ein.

Doch allzu lange kann ich nicht bleiben. Brno ruft, die zweitgrößte tschechische Stadt, die auf Deutsch Brünn genannt wird. Das historische Zentrum Mährens ist nicht nur reich an Kulturschätzen wie dem Unesco-Welterbe Villa Tugendhat, einem Bau des Architekten Mies van der Rohe, der Festung Spielberg, die wuchtig über der Stadt thront, oder der Burg Veverí, etwas außerhalb am Brünner Stausee. Brünn gilt auch als Wiege des mährischen Weinanbaus. Schon im 13. Jahrhundert wurden Weinstöcke an den damals – aus taktischen Erwägungen – kahlgeschlagenen Hängen der Festung Spielberg urkundlich erwähnt. Ein strenges Winzerrecht und viele Auflagen für den Weinhandel sorgten dafür, dass Konkurrenz meist fernblieb. So durfte im Umkreis von einer Meile um Brno keine Wirtschaft betrieben, kein Wein ausgeschenkt werden. Ein Liter einheimischen Weins kostete im 14. Jahrhundert zehn bis 20 Eier oder drei Pfund Fleisch – kein billiges Vergnügen. Heute ist der tschechische Wein deutlich günstiger. Auch deshalb nehme ich mir einen Vorrat mit, als ich die Heimreise antrete.

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